Auf der Ilha do Mel hatten Flavio und ich in der leuchtend gelben Pousada dos Prazeres ein kleines blaues Zimmer gemietet. Am 24. Dezember wurde der Essraum festlich geschmueckt und sogar eine Gans zubereitet, als es ploetzlich zu regnen begann. Den ganzen Tag ueber war der Himmel schon bedeckt gewesen, doch jetzt liessen die Wolken einen Regenguss nieder, der sogar durch das Dach der Pousada drang. Die ganze Weihnachtsdekoration war dahin, der Baum vor der Kueche splitterte entzwei und natuerlich fiel der Strom aus. So genossen wir das Weihnachtsessen bei romantischem Kerzenschein, was tatsaechlich Weihnachtsstimmung aufkommen liess.
Es regnete auch den ganzen naechsten Tag ueber, sodass Flavio und ich gar nicht viel von dieser kleinen Pirateninsel erkunden konnten.
Als wir am 27. Dezember unsere Siebensachen packten, strahlte die Sonne vom Himmel, als haette sie nie etwas anderes getan und wir schleppten unsere Rucksaecke schweissgebadet zum Taxi Nautico. Die Insel ist naemlich autofrei, weshalb man die zugaenglichen Gebiete entweder zu Fuss erkundet, oder sich mit dem Motorboot von Bucht zu Bucht chauffieren laesst.
Zurueck in Curitiba stiegen wir in den Bus nach Sao Paulo, wo wir morgens um 5 ankamen.
In den drei Tagen, in denen ich mit Flavio die Stadt durchstreifte, konnte ich dem Leben Sao Paulos doch noch einiges abgewinnen. Wir spazierten durch die endlosen Strassen und staunten ueber die lebendige, vielseitige Grafitti- und Streetart-Szene. Am Sonntag flanierten wir mit den Paulistas durch den Parque Ibirapuera, wo Familien mit Kind und Kegel das Wochenende geniessen. Und wir assen uns in verschiedenen Restaurants durch die kulinarischen Kuriositaeten der Brasilianer.
Auch fielen mir nun, da ich nicht in einem Tag durch die ganze Stadt stressen musste, ploetzlich all die Maenner und Jungs auf, die in den Haeusereingaengen lungerten oder in Decken eingewickelt schliefen. Wieso waren mir die bettelnden Kinder nicht schon frueher aufgefallen? Und die Passanten, die einem anstarrten, wenn man einem der Jungen einen Kaugummi zusteckte? Und wo sind all die Maedchen und Frauen, die genauso heimat- und arbeitslos sind?
An dieser Stelle moechte ich euch Maurice Plas vorstellen.
Maurice fluechtete vor mehr als 50 Jahren von Belgien nach Sao Paulo, wo er nach kurzer Zeit in der Rua Augusta ein eigenes Modegeschaeft eroeffnete. Als Flavio und ich diesen Laden per Zufall betraten, fuehlten wir uns wirklich in die 60er-Jahre zurueck versetzt. Das Gloecklein bimmelte ueber der Holztuer, wir schritten ueber den mit Perserteppichen ausgelegten Boden und bestaunten die Huete, die ueberall ausgelegt und ausgehaengt waren. Nach vielen erfolgreichen Jahren als Schneider hatte sich Monsieur Plas naemlich in den 80ern auf Huete spezialisiert, die er noch heute selber anfertigt. Das Geschaeft fuehrt mittlerweile der Sohn, doch wie Maurice sagte, werde er bis an sein Lebensende arbeiten, weil dieses Geschaeft sein Lebensinhalt sei.
Wir unterhielten uns in einem Kauderwelsch von Portugiesisch, Deutsch, Franzoesisch und Englisch und Maurice nahm uns mit auf eine kurze Zeitreise durch die Jahrzehnte Brasiliens, seines Lebens und der Modewelt. Voellig in seinen Erinnerungen versunken zeigte er uns stolz Bilder aus Zeitschriften, Models, die seine Muetzen getrage hatten(Giselle Buendchen, bevor sie beruehmt wurde) und erzaehlte von den Veraenderungen des Lebens in der Rua Augusta.
Klar, dass ich da nicht widerstehen konnte und dem bereits etwas zittrigen, aber aeusserst liebenswuerdigen mittlerweile ueber 80-jaehrigen Mann eine rote Ballonmuetze abkaufte. Und "nur der Mann setzt den Hut schraeg nach rechts auf den Kopf. Die Frau traegt die Muetze links!"
Ja, wenn das mal nicht die richtige Seite ist!
Um an die Kueste zu gelangen, fuhren wir am 29. Dezember nachParati. Leider mussten wir nun endgueltig einsehen, dass wir die falsche Reisezeit gewaehlt hatten. Zwar konnten wir das blaue Wasser, die gruenen Inseln und den weissen Sand sehen, doch wir gerieten auch in eine Meer von Touristen. In den Sommerferien leeren sich Sao Paulo und Rio de Janeiro, denn wer kann, faehrt ans Wasser.
Parati wird von gruenen Huegeln eingeschlossen, vor dem Atlantik durch zahlreiche Inseln geschuetzt und erinnert an die portugiesische Kolonialzeit. Vor Autoabgasen geschuetzt ist der alte Stadtteil sehr gut erhalten und wird wohl in naher Zukunft Unesco-Weltkulturerbe werden. So genossen wir die weissen Haeuser mit den farbigen Tuerrahmen, die lauschigen Cafes und die diversen Cachacas, die den Touristen hier feilgeboten werden.
Vom Regen in die Traufe gerieten wir an Silvester. Alle Warnungen des Lonely Planet in den Wind schlagend, schifften wir am 31. Dezember auf die Ilha Grande ueber- und landeten in einem OZEAN von Touristen. Die Insel war bis auf den letzten Platz ausgebucht. Mit Mueh und Not fanden wir schliesslich noch zwei Betten in einem Massenschlag- und bezahlten dafuer 120 Reals (60 sFr), waehrend wir normalerwise fuer ein Zweierzimmer 80 Reals (40 sFr) bezahlt hatten.
An Silvester durften Flavio und ich dann hautnah miterleben, wie die BrasilianerInnen feiern koennen! Uns war sowieso schon aufgefallen, dass Alkohol hier in rauhen Mengen zu jeder Nacht- und Tageszeit genossen wurde. Entsprechend ausgelassen ist die Ferien- und Feierstimmung.
Einen schoenen Brauch, wie ich finde, ist das Ankleiden an Silvester. In dieser Nacht naemlich haben die Fraben der Kleider eine speziell wichtige Bedeutung. Wir wunderten uns schon, weshalb alle so weiss angezogen waren, doch weiss steht fuer Frieden. Und anscheinend wuenscht sich die Mehrheit der Brasilianer Frieden. Rot fuer Liebe, Gelb fuer Geld oder Schwarz fuer Veraenderung waren nur selten zu sehn.
Und natuerlich liessen wir es uns nicht nehmen, einen der schoensten Straende der Welt zu sehen. So durchquerten wir am 2. Januar die Ilha Grande, um an den Strand "Mendes Lopes" zu gelangen.
Glasklares Wasser, kilometerlanger weisser Strand und dahinter Palmenwald- das Paradies aller Surfer.
Leider hatten wir schon wieder Pech mit dem Wetter, es nieselte den ganzen Tag. Trotzdem war es lustig, den weissen Sand unter den Fuessen knirschen und quietschen zu hoeren, als wuerde man mit Gummisohlen ueber Turnhallenboden schlittern. Das Wasser hatte nicht nur die Farbe von Eis, sondern auch dieselbe Temperatur, doch das war uns nach 3 Stunden Marsch durch den feuchten Urwald gerade recht.
Am naechsten Morgen strahlte die Sonne vom blauen Himmel, als wir uns mit der Faehre immer weiter von der Insel entfernten und Rio de janeiro entgegen fuhren.
Hier duerfen wir nun 5 Tage bei Virginia und Cesar, nur zwei Qerstrassen von der Copacabana entfernt, wohnen. Morgen machen wir uns auf, auch diese Stadt zu erobern.
Alles Liebe
d
4 Kommentare:
Wauh, das tönt ja wirklich nach einem intensiven Programm! Dass da die Köpfe am Bersten sind, ist nicht verwunderlich! Ich finde es beeindruckend, wie ihr euch derart verschiedene Seiten des Landes reinzieht, vermutlich gehören da die negativen Touri-Teile eben auch dazu!? Ich war vor Jahren ebenfalls an Silvester in Rio und kann mich gut an den üppigen Alkoholkonsum sowie die weisse Kleidung erinnern. Das geht auf einen alten Brauch zurück, oder? Ist Rio nicht eine wunderschöne Stadt? Ich war damals insbesondere auch vom Friedhof, dem vielen Wasser und Grün und dem Zuckerhut beeindruckt - neben ganz viel anderem.... Lasst meine lieben Verwandten dort herzlichst grüssen und schlürft rein, was geht! Ihr habt dann ja in der grauen, kalten Schweiz wieder Zeit, das alles zu verdauen, zu ordnen... und zu erzählen! Ich freue mich schon sehr drauf!!!! Herzlichste, zugegebenermassen auch neidvolle Grüsse an euch beide von Sophie
wahnsinn, das ist ein hin und her gesause zwischen den städten, stränden und touristen-mekkas...da wird einem ja ganz schwindlig!! :) der mützen-mann sieht ja drollig aus, das war sicher ne lustige begegnung...!
was muss man sich unter einer pirateninsel vorstellen? das ist doch sicher nur so eine bezeichnung...oder??!? jedenfalls ist "autofrei" natürlich genial, keine abgase, kein lärm, keine hässlichen vierräderer die einem den ausblick versuddeln :)...sowas gefällt mir!
dieser "mendes lopes" erinnert mich schwer an einen strand, den ich in australien angetroffen hab, da hatten wir ersteinmal auch grauen himmel und nieselregen, aber da wir ein paar tage geblieben sind, haben wir dann auch noch seine sonnige seite erleben dürfen :)...tja, die schönen reiseerinnerungen...!...allerdings kann man sich irgendwie schwer vorstellen, dass das wasser so eisigkalt sein soll-- bei euch wär doch theoretisch sommer...oder hab ich da in geo irgendetwas verpasst??
na, also ich wünsch euch beiden gaaaaaaaaanz viel spass in rio-- dickes gnaglbussi
r
hilfe dolo!!! mir ist grad siedendheiss eingefallen, dass ich noch diesen komischen WAB-kurs machen muss, für den führerschein...du schon gemacht haben??? das vergnügen ist zieeeemlich teuer, aber lässt sich ja nicht vermeiden, also hab ich mir gedacht, wenn, dann wär's wenigstens lustig mit dir zu gehen (falls du nicht eben schon warst!)...
bisous
r
ps. ich fahr am 23. für einen monat in die provence wwoofen-- seh ich dich da vorher überhaupt noch??!??
also, alles gaaaanz langsam:
"pirateninsel" hab ich geschrieben, weil die ilha do mel mit diesem fort, dem weissen sand und den hohen palmen wirklich wirkt, wie direkt "pirates of the caribbean" entsprungen!
den wiederholungskurs muss ich auch noch machen, aber erst mal muss ich wohl noch etwas ueben- bin jetzt schliesslich bald 3 monate nicht mehr gefahren. und bei meinen "fahrkuensten"...
ich komme am 3.2. nach hause! da bist du also schon wieder am franzoesisch quaseln! viel spass!!!
gleich werd ich noch von rio berichten!
d
Kommentar veröffentlichen