Montag, 26. Januar 2009

Ein Tag in Salvador


Was fuer ein Laerm! Und was fuer eine Hitze! Arme, Beine und Gesicht von Moskitos verstochen, das T-Shirt klebt am Koerper, die Luft im Zimmer ist stickig. Es ist 8 Uhr morgens und schon kaum mehr auszuhalten. Schnell ins Bad. Wasser ist das einzige, was kuehlt.
Im Bispo (Hostel, Wohn- und Kulturhaus in einem) schlafen um diese Zeit noch all die Taenzer, Musiker und Hippies, die das reiche Kulturleben und die Ferienstimmung Salvadors geniessen. Aber auf der Strasse sind die Geschaefte und Cafes schon geoeffnet und hier laeuft nichts ohne Musik. Also geht man mit Sambarhythmen schlafen und wacht auch wieder mit ihnen auf.

Fruehstueck gibt's hier keines, weshalb ich eine Papaya loeffle waehrend das Milchpulver im Kaffee vergeht. Ein Kuehlschrank wird nicht zur Verfuegung gestellt und auch die sanitaeren Anlagen wirken ziemlich improvisiert. Vier Duschen werden von Maennlein wie Weiblein benuetzt, die Duschvorhaenge reichen knapp bis in die Knie und haengen an einer unbefestigten Bambusstange. Wenn es also Wasser gibt- meistens am Morgen- kann man hier duschen.




Ach, schon um 10 Uhr ist es so heiss, dass man sich wenn dann nur noch im Schatten bewegt. Trotzdem mache ich mich auf zu einem kleinen Spaziergang- natuerlich ohne Rucksack, Kamera oder Portemonnaeie, schliesslich wurde mir von allen Seiten eingeschaerft, wie gefaehrlich es hier sei.
Das Bispo liegt nur zwei Strasse von der Favela entfernt im "Pelhourinho", der Altstadt oder "Cidade Alto". Diese befindet sich auf einem Huegel, 70 m.ue.M. Zwei Lifte verbinden die Cidade Alto mit der Cidade Baixo, dem Quartier auf Meereshoehe, wo sich Touristen dank Shoppings, Laeden und Maerkten noch etwas frei bewegen koennen. Aber auch hier, wie im Pelhourinho, ist "Sicherheit" nur dadurch gewaehrleistet, dass in jeder Strasse, Seitengasse und an jeder Kreuzung ein Polizist Wache haelt. Dieses Aufgebot wird am Abend auf bis zu 5 Polizisten in Vollmontur samt Helm und Schlagstock erhoeht.

Ich spaziere also ueber den "Praça da Sé". Links geht's zum Lift, rechts auf einen weiteren Platz voller Popcornwaegelchen, Getraenkestaende und Sonnenschirmen, unter denen sich Touristen wie Einheimische die Haare zu afrikanischen Zoepfchen flechten lassen. Die Kolonialgebaeude, die den Platz saeumen, sind zwar renoviert, doch laengst nicht so herausgeputzt wie in Parati oder Tiradentes.

Auch als ich den Platz ueberquere und in eine Seitengasse eintrete, fallen die alten Haeuserfassaden auf; rostige Balkongitter und abgeblaetterte Farbe. Im Erdgeschoss dieser Haeuser sind Cafés und Souvenirlaeden untergebracht, auf den Treppenstufen lungern Maenner herum, die mir hinterherpfeifen.

Gleich darauf trete ich auf den "Largo do Pelourinho" hinaus, einen dreieckigen, abschuessigen Platz, auf dem frueher die Sklaven verkauft und ausgepeitscht wurden. Das afrikanische und koloniale Erbe ist hier in Salvador allgegenwaertig- nicht zuletzt dank den Capoeiraschulen, die ueberall auf den oeffentlichen Plaetzen Kreise bilden, singen und ihre Tankunst z.T. auch zu nichtkommerziellen Zwecken darbieten.
Im Moment ist auf dem Largo aber nichts von Geschichtstraechtigkeit zu spueren. Jeden Abend steigen hier rauschende Feste, schliesslich will man auf den Karneval vorbereitet sein. Dies geht so weit, das gewisse Schulen Konzerte veranstalten, an denen das Publikum bereits die Umzugsmusik und die dazu gehoerenden Taenze kennenlernt. Schliesslich darf waehrend diesen wichtigsten Tagen des Jahres Ende Februar nichts dem Zufall ueberlassen sein.



Am Ende des Platzes geht's wieder steil bergauf zu weiteren eindruecklichen Kirchen und Bauten im Kolonialstil. Hier gehe ich aber nicht mehr weiter. Katharina hatte mir gestern noch erklaert, das hier die Grenze sei, weil danach das Touristenviertel aufhoert.
Also spaziere ich den Weg zurueck und gucke mir noch schnell ein Museum an, an dem mich aber vor allem die Aussicht fasziniert.

Ah, schon bin ich wieder auf dem Praça da Sé. Was jetzt? Ich koennte wieder baden gehen wie gestern. Das Wasser ist hier viel ruhiger, klarer und sauberer als in Rio und wenn ich den Bus nehme wuerde, waere ich innerhalb einer Stunde an den schoensten Palmenstraenden Brasiliens. Aber nur durch Baden lernt man eine Stadt auch nicht kennen.
Ich gehe erst einmal ins Intenetcafé. "Zeitung" lesen, Mails beantworten und gucken, ob jemand meinen Blogeintrag kommentiert hat, ist immer noch mein liebster Zeitvertreib. Aber teuer ist es hier. 4 Reals pro Stunde- das zahlt ja nur ein Tourist! Wenigsten kann ich waehrenddessen einen eisgekuehlten "Suco de Abacaxi" schluerfen.

Schliesslich kehre ich ins Bispo zurueck. Laute Musik und freundliche Leute begruessen mich. Alfredo, ein Kroate aus Oesterreich, sitzt am Tisch und Gaston, ein in Zuerich arbeitender Aargauer (Wohlen!!!) kocht Mittagessen. Ich wuerde gerne ins MAM gehen (Museo de Arte Moderna), aber der Lonely Planet betont ausdruecklich, dass man dorthin ein Taxi nehmen sollte. Und ausserdem wurde Katharina auf genau der Strecke ausgeraubt! Was soll ich also tun? "Schnapp dir einen Einheimischen!" meint Katharina und tatsaechlich erklaert sich Lazaro, der im Bispo wohnt, bereit, mit mir ins MAM zu spazieren.
Diesmal biegen wir auf dem Praça da Sé nach links ab und nehmen den Lift. Am Meeresufer angekommen versuchen wir die Hitze zu ignorieren und gehen 15 Minuten der Schnellstrasse entlang. Und wirklich: Da lungern Gruppen von Maennern und Jungs herum, denen ich alleine lieber nicht begegnet waere!

Und schliesslich haelt der Tag noch eine Ueberraschung fuer mich bereit: eines der schoensten Museen, das ich je besucht habe! Das MAM ist in einer frisch renovierten aber noch aus der Kolonialzeit stammenden Villa direkt am Meer einquartiert. Weisse Fassade und rote Fensterrahmen, die Fussboeden von dunklem Holz und die Wege zwischen den Pavillons mit runden Kopfsteinpflastern besetzt.
Die modernen Kuentsler Brasiliens haben einige verblueffende Ideen zu bieten, besonders angetan hat's mir aber der Skulptugarten. Hinter dem Haupthaus geht ein Weg ab, der ueber eine Holzbruecke direkt ueber die Brandung hinweg fuehrt. Links das weite, tuerkise Meer und rechts am Hang ins Gras gesetzte Plastiken. Dann biegt der Weg nach links ab und endet in einer kleinen Bucht voller weissem Sand.
Wieso habe ich mein Bikini nicht dabei? Waere doch toll, behaupten zu koennen, in einem brasilianischen Museum geschwommen zu sein! Und ueberhaupt: Wo ist meine Kamera? Es nervt wirklich, dass man sich in dieser Stadt nicht frei und sicher bewegen kann!

Zurueck im Bispo dusche ich und koche mir mein Abendessen. Schoen, nicht alleine zu sein. Ich sitze mit einer Deutschen, einem Kroaten und einem Italiener am Tisch- wir unterhalten uns auf Portugiesisch!
Die Tuerglocke laeutet und Ignacio aus Argentinien stuermt die Treppe heruaf. Er wurde auf dem Weg zum Bispo, keine 30 Sekunden vom Hauseingang entfernt, ausgeraubt! Immerhin: Es waren nur 20 Reals. Aber diese Seitenstrasse werde er nie mehr nehmen, meint Ignacio.
Hilfe! Wo bin ich denn hier gelandet? Das darf ja wohl nicht wahr sein. Vor der eigenen Haustuer mit dem Messer ausgeraubt zu werden!

Zum Glueck gehen wir am Abend alle zusammen aus und passen aufeinander auf.
Caipirinha gibt's fuer 3 Reals und er ist drei Mal so stark wie in der Schweiz. Konzerte werden im Pelourinho am Laufmeter veranstaltet und wir stuerzen uns schliesslich irgendwo in die Masse. Wie wenn ich heute noch nicht genug geschwitzt haette! Nach dem Spaziergang und Tanzen tun meine Fuesse so weh, dass ich mir nicht vorstellen kann, morgen ueberhaupt aufzustehen. Aber nach fast 2 Monaten Touristenleben sind meine Fuesse abgehaertet.

Eine weitere schwuele, laute Nacht steht mir bevor. Zum Glueck hoere ich dank der lauten Musik draussen die Moskitos nicht, die um meinen Kopf herum schwirren.


Noch eine Woche in Brasilien!

Alles Liebe

d

PS: Bin wieder einmal krank. Wenig Schlaf, die Hitze und das staendige Unterwegssein zehren doch an meinen Kraeften. Aber immerhin ist's nur eine Brasilien-Sommer-Ferien-Grippe und kein Noro-Virus!

PPS: Vielen Dank an Daniel, ohne den ich euch keine Fotos haette zeigen koennen- er war mein brasilianischer "Bodyguard" und dank ihm ist die Kamera auch wieder im Bispo angekommen.

PPPS: Entweder fahre ich noch nach Imbassai oder ich bleibe hier in Salvador, weil Johanna, die ich am Anfang meiner Reise auf der Demetria kennen gelernt hatte, hierher kommt.

PPPPS: Fuer Djuna

7 Kommentare:

Flavio hat gesagt…

Ich wünsch dir vo herzä guäti besserig und gäll, luegsch, dassd mer nöd wägschmelzisch oder gar gstolä wirsch ;-)
bis gli, ich freu mich!!!
kuss

Roxana hat gesagt…

Meine Guete Kindchen, wo bist du denn da gelandet??!!? Da muss man ja fast bizzli Angst um dich haben, oder?! Klingt wirklich gefaehrlich dieses Salvador...da geht's bei mir in den Bergen schon eher ruhiger zu ;)! Heute scheint sogar mal wieder die Sonne und es geht kein Wind, ist nicht schlecht zur Abwechslung, auch wenn's noch lange nicht so schoen warm wie bei dir ist :)! Noch eine Woche-- das ist nicht mehr lange, aber geniesse es noch gaaaaaaaanz fest und wie Fla schon gesagt hat: lass dich ja nicht stehlen, will dich dann irgendwann doch mal wieder sehen, gell?! So, nach dem Lesen dieses Monstereintrags ist meine Mittagspause schon fast vorbei und ich muss unbedingt noch meine Dosis Jonglieren haben-- drueck dich also ganz ganz fest...mach's gut meine Abenteurerin!

kovacsundanna hat gesagt…

hei... jetz chumich au mal widr däzuä öpis zschribä...
wobi... nöd so lang will min chlinä grad am ufwachä isch... dä hät mega buchweh und bläigä idä letschtä täg...arms büäbli...
ich han so langsam widr agfangä ässä nach dem dummä dummä virus... dä chli hät nämlich abgno gha gester was gar nöd guät isch... bis am fritig sötter widr sis geburtsgwicht erreicht ha und dazuä fehled im no 200g!!!
naja... jetz luägä mer mal wasd hebammä hüt seit... und jetz ischer ganz brav am trinkä!!! :-)
hüt simmer serscht mal dussä gsi!!! 10 min i dä sunnä ufem balkon... dänn ischs ihm zhell wordä!!!

isch mega cool so da im bett zliggä und din blog zläsä... isch würklich brasilien für daheimgebliebene!!!
also du...la dich nöd usraubä und scho gar nöd selber raubä susch fählt mim sohn ä gottä!!!
bis bald...
1000 küss

christoph d. hat gesagt…

Verehrte junge Schriftstellerin
Freuen Sie sich an der guten Seite der Welt, aber seien Sie weiter vorsichtig! Ich wünsche Ihnen viele Niemeyer-Augen ohne Tränen.

Christoph D.

Jörg hat gesagt…

Hi Dolores,

ach Du meine Güte. Die Leute haben mich vor Rio, Sao Paulo und Recife gewarnt. Überall hab ich mich einigermassen sicher gefühlt und bin alleine und mit Kamera durch die Gegend gelaufen. Wenn ich Deinen Eintrag über Salvador lese, "freue" ich mich schon auf meine Reise. Ich werde Ende März dort sein und wollte die Zeit da eigentlich genießen. Vielleicht hast Du ja ein paar Tipps, wie ich da erstens lebend ein paar Tage verbringen kann, und zweitens ein paar Fotos machen kann, ohne eine Pistole am Kopf zu haben. Meine Güte. Ich hoffe Du hast die letzten Tage nach Deinem Blogeintrag gut überstanden. Machst Dich ja die Tage wieder auf den Rückweg in die Schweiz. Ich würd mich freuen, mal was von Dir zu hören. Vielleicht kannst Du mir dringend die Emailadresse von André (aus dem Hostel in Ouro Preto) geben. Ich hab leider nix von ihm, bin aber in 10 Tagen in Rio und würd ihn gerne treffen.

Viele Grüße!
Jörg

Jörg hat gesagt…

...sofern Du grad meine Emailadresse nicht hast: transgenic@web.de. Danke! Und gute Rückreise!

Roxana hat gesagt…

...da das hier der letzte eintrag zu sein scheint (du bist doch seit gestern wieder auf schweizer erde, oder??!) ein kurzes "schklusswort"-- ich fand's wirklich chouette dich so bizzli auf deiner brasilienreise begleiten zu koennen-- ganz abgesehehn davon, dass du einfach eine kleine schriftkuenstlerin bist!! mama hat gemeint, es sei ein brief von dir unterwegs??? na wenn ich dich schon nicht am flughafen in empfang nehmen konnte, dann wenigstens per post :)! hoffentlich trotzdem irgendwie mal bis bald-- gros bisou ma belle :)!!



...und GNAGL