Mittlerweile bietet ABAI Kindern aus preakeren Familiensituationen die Moegleichkeit, ihre Freizeit in einem behueteten, gewaltfreien Umfeld zu verbringen. Die Kinder in Brasilien gehen ja nur morgens oder nachmittags zur Schule. Die restliche Zeit verbingen sie zu Hause- was auch immer das heissen mag. In der ABAI findet zwar kein richtiger Unterricht statt, trotzdem sind die Kinder in Gruppen auf- und einem/einer BetreuerIn zugeteilt. Im Moement werden viele Dinge fuer Weihnachten gebastelt, aber auch Briefe geschrieben, kreativ gelernt oder einfach nur gespielt. Die ganze Atmosphaere ist sehr familiaer, froehlich und lebendig.
Der zweite Schwerpunkt von ABAI ist die Rehabilitation von ehemaligen Alkoholabhaengigen. Nach dem Entzug in einer Klinik verpflichten sich die Maenner fuer ein Jahr zu einer Psychotherapie und der Mitarbeit an verschiedensten Projekt innerhalb ABAIs. So arbeiten sie in einem riesigen Gemuesegarten und einem Bauernhof, dank denen sich ABAI praktisch selbst versorgen kann. Das juengste Projekt zur Reintegration in die Gesellschaft ist ein Restaurant, in dem diese Maenner selber kochen, anrichten und servieren. Das wunderschoene Restaurant- ein wahres Paradies inmitten von Blumen und Palmen- wird aber auch zu Geburtstagen und sonstigen Anlaessen gemietet. Zahlreiche ehemalige Alkoholabhaengige wohnen in einem zweiten Haus in der Naehe von ABAI und arbeiten als Betreuer im Projekt.
Haupthaus mit Unterrichtszimmern, Bueros und Essraum
Die beiden Schwerpunkte ABAIs stehen in direkter Verbindung. Die Droge Alkohol ist ein riesiges Problem. Besonders in armen Familien sind vor allem die Maenner alkoholabhaengig, Kinder und Frauen Gewalt und Missbrauch ausgeliefert. ABAI schuetzt also nicht nur die Kinder, sondern nimmt mit der Rehabilitation eine aktive Rolle im Kampf gegen den Alkoholkonsum ein.
War das angenehm ruhig beim Essen!
Dass ich am Sonntag schlussendlich doch noch im ABAI landete, war mehr oder weniger Zufall. Nachdem ich geschlagene 2,5 Stunden auf den Bus gewartet hatte, kam ich um halb 3 endlich in Mandirituba an. Zum Glueck hatte mir Fernando vorher noch gesagt, dass zu dem Projekt auch ein Restaurant gehoert- ich waere sonst ab den verworrenen Wegbeschreibungen der Maniritubaner verzweifelt. Ein Taxifahrer konnte mir dann wenigstens mehr oder weniger klar den Weg ins Restaurant zeigen, wo ich aber ja gar nicht hin wollte. Egal. In bruetender Hitze schritt ich den Huegel hinauf- und landete in einem "Paradiesli". Das Restaurant ist wunderbar gelegen; ein grosses Holzhaus umgeben von einem praechtigen Garten. Dank den grossen Fensterscheiben hat man wirklich das Gefuehl, unter Palmen zu speisen.
Und wen traf ich per Zufall da an? Natuerlich Heidi. Diese tolle, aufegstellte Frau nahm mich in ihrem metallic-tuerkisen VW-Kaefer, Baujahr 1979, dann gleich mit ins ABAI.
Kaum aus dem Auto gestiegen, wurde auf dem Bauernhof ein Kaelbli geboren. Bei dieser Gelegenheit stuerzte sich Heidi auch gleich in ihr Sennenkutteli und alte schweizer Leder-Zoggeli. Es ist nicht gelogen, wenn ich behaupte, dass ich mich von der ersten Minute an zuhause fuehlte auf ABAI- zudem Heidi noch den selben Jahrgang hat wie meine Mutter und in der Schweiz wirklich als Baeuerin gearbeitet hatte.
Vor dem gemuetlichen Abendessen mit "Gschwelti", Tofu und gemischtem Salat durfte ich noch Marianne kennen lernen. Eine wunderbare Frau, eine Kaempferin mit einem untrueglichen Gerechtigkeitssin. Trotz den 30 jahren in Brasilien hat sie den Kontakt zur Schweiz nie verloren. Im Gegenteil: Noch heute engagiert sie sich aktiv, wenn ihr Gerechtigkeitssinn sich meldet. So zuletzt im Juli diesen Jahres, als der Nestlé-Boss (Wie heisst er doch gleich? Ist ja nicht mehr Monsieur Brabeck!) doch tatsaechlich in den HEKS-Verwaltungsrat gewaehlt wurde (wieso weiss ich nichts davon? Ich hoffe ihr alle habt davon erfahren- denn das ist ja wirklich ein Skandal). Innert Kuerze hatte Marianne mit ihrer Schwester zusammen Unterschriften gegen diese Wahl gesammelt und so den Widerstand formiert, der sich wie ein Lauffeuer unter den reformierten Kirchgemeinden, die das HEKS finanziell unterstuetzen, verbreitete. Bis heute ist keine Ruhe eingekehrt, denn nach aeusserst peinlichen Aeusserungen des Nestlé-Chefs musste sich HEKS oeffentlich rechtfertigen.
Marianne wurde ausserdem mit 999 anderen mutigen Frauen fuer den Nobelpreis vorgeschlagen. Dieses von einer Schweizerin kuratierte Projekt, stellt zur Zeit in Bern im Muenster aus. Ich denke, ihr habt alle dank Zeitung oder Radio einmal von diesem Projekt gehoert. Marianne ist absolut zu recht eine von diesen 1000 Frauen! Ihr Engagement beschraenkt sich mit nichten nur auf ABAI. In Mandirituba ist sie weit herum bekannt. Gerade wurde wieder ein kleiner Schritt in die richtige Richtung getan: Der Gemeinderat von Mandirituba hat ein Gesetz erlassen, das die Privatisierung des Wassers verbietet. Marianne hat sich aktiv fuer dieses Gesetz engagiert- und der Kampf ist noch nicht zu Ende, wie sie sagt.
Heidi hat mich am Sonntag dann gleich zum Uebernachten eingeladen und so habe ich den Montag auch im ABAI verbracht. Am Morgen bin ich mit einer Gruppe aufs Land hinaus gefahren. Zuerst machte der nette Betreuer Schlangenkunde im Glas und danach gings ab in den (Ur)Wald. ABAI hat zusammen mit anderen Schulen dieses Land gekauft und eine Waldschule eingerichtet. War toll, die Kinder ueber Spinnennetze und Schmetterlinge staunen zu sehen.
Am Nachmittag durfte ich dann fuer all die Mitarbeiter von ABAI Weihnachtsgeschenke einpacken.
Ich habe den Tag so genossen! All die Frauen um mich herum und dann erst noch zwei, mit denen ich reden konnte, wie mir "der Schnabel gewachsen ist". Wunderbar. Ich wurde einfach bei der Hand genommen und herumgefuehrt, mir wurde eine Arbeit gegeben und auch erklaert. Das war wirklich eine Wohltat nach drei Wochen "4 Pinheiros", wo ich voellig auf mich alleine gestellt war. Da blieb ich natuerlich gerne noch einen Tag laenger und habe so heute Morgen dem Musikunterricht beigewohnt und den Frauen geholfen, Tischdecken zu naehen- an einer richtigen Naehmaschine!!! :-)
Am Nachmittag nahm mich Heidi mit, verschiedene Familien zu besuchen. Dafuer bin ich ihr wirklich dankbar. Ich waere wohl sonst nie in meinem Leben in solche "Haeuser" gefuehrt worden. Der erste Ort war gleich der absolute Schock. Eine Familie mit 4 Kindern, der Vater Alkoholiker, die Mutter geistig behindert, haust in einer winzigen, dunklen Baracke (der Strom wurde noch nicht angeschlossen, aber der Fernseher laeuft), umgeben von Katzen, Hunden und tausenden von Fliegen. Die Kinder barfuss, schmutzige Kleider, verfilzte Haare. Und ihre Augen!!! Ich werde diese Menschen nie vergessen.
Heidi hatte richtig Freude, weil die Familie sich nun mehr oder weniger anfaengt, selber zu organisieren, Bohnen und Maniok anpflanzt, ueber eine saubere Toilette verfuegt und der Vater sogar Kleider waescht!!! Im Nachhinein hat sie mir dann erzaehlt, dass dies das dritte Zuhause der Familie waere. Als sie sie zum ersten mal traf, lebte die Familie im Wald neben ABAI, die Kinder nackt. Wie bei Adam und Eva sei es ihr vorgekommen, sagte Heidi.
Die weiteren Besuche waren im Vergleich weniger schlimm, aber nicht minder eindruecklich. Ueberall Abfall, alles verbraucht, kaputt, abgewetzt, schmutzig und stinkig. So ein Leben kann man sich nicht einmal vorstellen, wenn man es gesehen hat.
Die Kinder dieser in absoluter Armut lebenden Familien kommen uebrigens ins ABAI, in dem sie sich jedes Jahr wieder neu anmelden. ABAI faehrt anfang des Jahres durch die Favelas und untersucht bei dieser Gelegenheit, welche Familien die Hilfe am noetigsten haben. Viele Familien werden aber ueber Jahre hinweg unterstuetzt.
Nach all den Gedanken, die mir natuerlich waehrend den drei Tagen im Kopf umhergeschwirrt sind, bin ich heute zum Schluss gekommen, dass ein Vergleich der Projekte insofern muessig ist, als dass es sich wirklich um ganz verschiedene Projekte handelt; das eine sozusagen ein Kinderhort, das andere ein Zuhause fuer fast 100 Jungs.
Was aber augenfaellig ist: ABAI ist viel organisierter, strukturierter und hat viel mehr Ressourcen zur Verfuegung. Wie die Finanzen aussehen, weiss ich natuerlich nicht, aber im Vergleich verfuegt"4 Pinheiros" wirklich nur ueber das absolute Minimum an Betreuung, Materialien und auch technischen Mitteln.
Es wird wohl aber schon Gruende geben, weshalb es mich in die Chacara und nicht ins ABAI verschlagen hat. Die Zeit dort waere sicherlich viel einfacher, angenehmer, ruhiger und harmonischer verlaufen. Aber die Erfahrungen waeren ganz andere gewesen.
Ich denke, es ist gut so, wie es ist.
Darum habe ich mich aber entschieden, die letzten vier Tage noch in der Chacara zu verbringen. Ich bin zwar zu nichts verpflichtet, aber nach dem Ueberfluss an Herzlichkeit, Ressourcen und Materialien im ABAI moechte ich den Jungs hier doch auch noch einmal die Chance geben, ihre Kreativitaet auszuleben.
Am Sonntag geht's dann ab nach Curitiba. Und dann kommt schon bald Flavio. Das ist wunderbar.
Ich bin ja bereits 2 Monate unterwegs und das Heimweh hat mittlerweile Einzug gehalten. Ich freue mich also ueber jedes Mail und jeden Blog-Kommentar- besonders wenn er aus dem tiefen Aargau kommt. Schoen, dass ihr alle bei meiner Reise dabei seid!
Alles Liebe
d
1 Kommentare:
Hallo liebe Dolores
Dein letzter Blogg-Eintrag ist ja wieder reichhaltig, danke vielmals! Von den 1000 Frauen haben wir schon gehört, aber die Verbindung zwischen HEKS und Nestlé ist mir auch neu. Passt aber zu Nestlé, die ja zum Gegenangriff geblasen haben und sich aktiv mit ihren Kontrahenten und Kritikern auseinandersetzen ... unsererseits würde man von Maulwurf-Taktik sprechen, das ist aber unpassend, wenn das Tier 'von oben' kommt!
Deine Eindrücke gemahnen mich immer wieder an meine ersten Erlebnisse in Indien anno 1981, als mir die dortige Armut und die Bettlerei und die Gewalt und der Überlebenskampf schwerstens aufs Gemüt geschlagen haben. Die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten mit eigenen Augen zu sehen, am eigenen Leib zu erfahren, ist einfach heftig! Ist doch gut, dass du jetzt dann etwas innere Distanz und äussere Unterstützung bekommst - ich wünsch dir ja sehr, dass du diese 'touristischen' Seiten genauso intensiv geniessen kannst, wie dich die 'Hinterhof-Seiten' aufwühlen.
Was soll man da erzählen von der guten warmen Stube? Vielleicht ganz einfach, dass es mir äusserst gut gefällt, wieder 'normal' zu wohnen!
Mit einer herzhaften Umarmung, Christoph
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