Ich habe euch noch keine Fotos von der Schule gezeigt. Vielleicht versteht ihr nach diesen Bildern, warum ich mir in dieser Schule immer eher wie in einer Ferienkolonie vorgekommen bin. Gewundene Kieswege, lauschige Sitzplaetze und Backsteinhaeuschen inmitten von Baeumen, Blumen und Wiesen.
Die 12.Klassarbeitspraesentationen sind immer noch nicht fertig. Gestern hatte Luiza ihren Vortrag und diese Auffuehrung war etwas vom schoensten, was ich je in der Steinerschule erleben durfte. Die Praesentation war ein Gesamtkunstwerk und ich wuenschte, ihr waert dabei gewesen.
Luiza ist eine Freundin von Anna (und von mir) und ich habe sie immer unglaublich lebendig, verspielt, witzig aber auch unruhig erlebt. Ein Zappelphilipp. Auch als sie mir ihre Arbeit zu erklaeren versuchte- eine Verbingung von Zen, Haiku und Clown- dachte ich nur "loca". Aber siehe da: Luiza brachte es fertig, diese drei so unterschiedlich erscheinenden Gebiete auf wundersame Weise ineinanderzufuegen.
Sie sprach zuerst von Zen, aber nicht ueber Geschichte oder in Relation zu anderen buddhistischen Lebensformen. Sie erzaehlte einfach, was Zen in ihr bewegt und wie sie diese Ruhe erlebt. Dann sprang sie zu "Haikai", wie sie hier sagen, ueber. Sie hat selber wunderschoene Haikus (dreizeilige Gedichte mit 17 Silben, urspruenglich aus Japan) geschrieben und erklaerte, dass Haikus Momentaufnahmen sind, die nicht auf Metaphern oder Bildern beruhen, sondern mit einfach Worten einen kurzen Realitaetseinblick ermoeglichen. Die Verbindung zum Zen, so Luiza, besteht im Entstehungsmoment des Haikus. Nur wenn man voellig in Stille in sich ruht, kommen die klaren, beschreibenden Worte wie von selbst und lassen ein solches Gedicht entstehen. Eine Japanerin las danach Luizas Haikus auf Japanisch vor und ploetzlich begann sich Luiza dazu zu bewegen. In Brasilien war anscheinend vor vielen Jahren die Kunst des "Haiku-Tanzens" entstanden. Auch dies spontane, voellig freie Bewegungsablaeufe, die nur im Hier und Jetzt, im voelligen Sein entstehen koennen.
Schliesslich ging Luiza noch auf den Clown ein, der ihrer Meinung nach nur dann wirklich echt, bzw. lustig ist, wenn er voellig im Moment lebt, in einem Augenblick etwas spontanes entstehen laesst und die Zuschauer in diesen klaren Moment hinein zieht. Wie ein Kind, dass waehrend des Spielens voellig im Hier und Jetzt lebt. Zum Ende gab es dann noch eine Clownauffuehrung.
Und waehrend des ganzen Vortrags sass da vorne auf dem Pult (ja, sie sass bei ihrer Praesentation, waehrend alle anderen Schueler brav gestanden waren) eine junge Frau, die ihr ganzes Inneres auf diese Arbeit konzentriert hatte und sich nicht scheute, alles mit uns zu teilen. Ihre Auftreten war unglaublich; atemberaubend. Das, was sie beschrieb, die Ruhe, die Konzentration und die Koerperpraesenz, konnte sie in ihrer Praesentation nur so klar vermitteln, weil sie es lebte. Sie redete, sprach gleichzeitig mit ihren Haenden, ihrem ganzen Koerper, tanzte fuer uns, brachte uns zum lachen und am Ende sogar noch fast zum weinen.
Und wie sie am Ende ihrer Clownauffuehrung die Spannung hielt, immer in der Schwebe zwischen lustig und melancholisch, zwischen Verspieltheit und harter Realitaet...alle atmeten auf, als sie mit einem leisen Laecheln schuechtern hinter dem Vorhang verschwand!
Ich werde es nie vergessen!
Kindergarten
Heute war mein letzter Tag im Kindergarten. Ein wunderbarer Tag zum Abschluss. Kaum jemand hat geweint, das "Lanche" (Znueni) war ruhig und gemuetlich - ich habe als "Schweizer Spezialitaet" Brioches gebacken- und zum Schluss habe ich noch einen kitschigen Glitzerhaarreif mit Schmetterling geschenkt gekriegt. Ich glaube, Andreia und Beatrice waren wirklich froh um meine Hilfe und ich fand den Einblick ins Kindergartenleben sehr interessant. Hier noch ein Ueber- und Rueckblick:
Eigentlich ist es eher etwas wie ein Vorkindergarten. Die Kinder sind z.T. erst 3 Jahre alt, wenn sie hierhin kommen. Spielgruppe scheint man hier nicht zu kennen. Das Haus ist sehr klein und mit den 13 Kindern schon ziemlich voll. Weil der Kindergarten mitten in der Stadt liegt, sind die Bewegungsmoeglichkeiten dementsprechend eingeschraenkt. Mit den Aelteren durfte ich manchmal in den Vorgarten, um Unkraut zu jaeten, den Pflanzen Wasser zu geben oder auch einfach, um den Boden zu wischen. Auch was die Kreativitaet angeht, ist die Situation relativ schwierig: Etwa die Haelfte der Kinder kann sticken oder Perlen auffaedeln, die restlichen spielen eigentlich mehr oder weniger die ganze Zeit.
Isabella und Gabriel
Zwei Kinder im Kindergarten leben mit einer Behinderung, wobei man bei beiden anscheinend keine eindeutige Diagnose stellen kann. Raphael ist wohl authistisch veranlagt, von Estella weiss ich nichts. Beide koennen nicht selbststaendig auf die Toilette gehen, weshalb eine von uns dreien an manchen Tagen alle halbe Stunde mit einem der beiden Kleider wechseln musste. Ich stelle mir das als extreme Belastung vor, wenn Andreia und Beatriz jetzt wieder "alleine" sind. Beiden kindern muss man immer wieder hinterher gehen. Raphael z.B. entschluepft durch jede Tuer, wenn sie nicht abgeschlossen ist. Mein Sozialpraktikum im Tobiashaus war mir hier sicher eine Hilfe. Andreia reagierte ziemlich erstaunt, dass ich einfach so mit Raphael Kleider wechseln ging und auch oft einfach mit ihm alleine ein bisschen spazieren ging, ihn zu beschaeftigen versuchte. Der Kontakt zu ihm war schoen.
Raphael und Estella
Denn da ist ja auch noch André, ein hyperaktiver Junge von 4 jahren, der mich echt an meine Grenzen brachte. Solche Kinder schaffen es, einem innert Sekunden die eigene Hilflosigkeit vor Augen zu fuehren. Treten da, schlagen hier, und von Weinen auf Grimassenschneiden und Bloedsinn machen. Auf alles muss man gefasst sein. Er ist auf jeden Fall anstrengender als Estella und Raphael, weil er andauernd etwas kaputt, bzw. jemandem weh macht. Unglaublich! Diese Woche gab es keinen Tag, an dem er das "normale" Programm mitmachen konnte. Beim Roda-Roda, also Ringelreihe, ist er eigentlich nie mit dabei. Wo er ist, ist Unruhe. Wirklich eine grosse Herausforderung. Zum Glueck haben Kinder ein grosses Herz und ein kurzes Gedaechtnis. Er fand immer wieder jemanden zum spielen.
André und Lorenzo
Isabella, Anahi und Vitor
Die verschiedenen Wesensarten der Kinder zu erleben, war immer wieder erstaunlich und lustig. Da gibt es z.B. zwei Luanas, die bis auf Haar- und Augenfarbe genau gleich aussehen! Der gleiche Koerperbau, die gleichen Bewegungen. Sie stehen noch etwas unsicher auf den Beinen und sind immer zusammen unterwegs. "Hoeselen" wuerde man auf Zueriduetsch sagen. Echt suess.
Oder Gustavo: Sein Vater hat wohl ein Motorrad. Auf jeden Fall rennt er immer mit einem quer gehaltenen Holzloeffel als Lenkstange durch die Gegend: Brrrmmm....brrrrrrrrrmmmmmmmmmm...und bei mir hat er Gas getankt und Wasser nachgefuellt :-)
Und mit Joao, dessen Vater mich manchmal in den Kindergarten gefahren hat, habe ich immer "fusga azul" gespielt: Wenn man einen blauen Kaefer sieht, darf man seinem Gegner an die Schulter boxen. Hier gibt es noch viele VW Kaefer und Buessli und ich wurde sogar einmal in einem fusga azul nachhause gefahren!
Kreativitaet
Wie ihr bereits wisst, durfte ich jeweils am Dienstag und am Donnerstag die Naehmaschine der Schule benuetzen. Und das ist dabei herausgekommen:
Abschied
Nach einem sehr kurzen Monat ziehe ich morgen endlich weiter. Die Zeit hier war schoen und der Ort zum einleben optimal. Aber der Lebensstandard ist schon sehr hoch, eigentlich kaum eine Unterschied zur Schweiz. Zudem gibt es einfach zu viele Europaer hier und ich wuerde den Alten Kontinent schon gerne einmal hinter mir lassen. Ich hoffe, das gelingt mir dann in Curitiba.
Nach einem sehr kurzen Monat ziehe ich morgen endlich weiter. Die Zeit hier war schoen und der Ort zum einleben optimal. Aber der Lebensstandard ist schon sehr hoch, eigentlich kaum eine Unterschied zur Schweiz. Zudem gibt es einfach zu viele Europaer hier und ich wuerde den Alten Kontinent schon gerne einmal hinter mir lassen. Ich hoffe, das gelingt mir dann in Curitiba.
Ich fahre morgen um 22.00 mit dem Bus die Nacht hindurch und werde am Sonntag morgen hoffentlich von jemandem abgeholt, der mich nach Mandirituba bringt. Soviel ich von Albina und Geraldo weiss, ist diese Fundaçao ein Wohnort fuer ehemalige Strassenkinder. Dahinter steht eine Schweizer Stiftung. Was ich da aber genau machen werde, ob ich ueberhaupt da bleiben kann, weiss ich auch nicht. We'll see...
Mein Portugiesisch wird sich auf jeden Fall verbessern. In der Fundaçao sprechen sie weder Deutsch noch Englisch! Auf das freue ich mich, wenn auch die Leute hier schon jedes mal staunen, wie gut ich nach einem Monat reden kann. Aber ich will mehr! :-)
Ich bin bereit weiter zu ziehen. Vielleicht lauert ja irgendwo noch das grosse Abenteuer.
Alles liebe aus Aldeia. Es regnet schon wieder.
d
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