Dienstag, 18. November 2008

Abenteuer

Und Tatsaechlich: Das Abenteuer hat auf mich gewartet!

Nach 8 Stunden Busfahrt morgens um 6 in Curitiba angekommen, musste ich erst einmal warten, weil ich mit Soila, einer Leiterin von "4 Pinheiros" abgemacht hatte, Irineus, den Chauffeur, anzurufen. Er sollte mich dann nach Mandirituba bringen. Also schlug ich schoen brav 3 Stunden tot- gut erzogen wie ich bin, wollte ich Irineu ja nicht um 6 Uhr aus dem Bett holen. Auf einem Spaziergang erkundete ich das Quartier um den Busbahnhof . Um 9 Uhr musste ich dann feststellen, dass das Mobile von Irineus aus war. Noch ein Spaziergang. Noch ein Kaffee im Bahnhofbistro (uebrigens der beste, den ich bis jetzt in Brasilien getrunken habe). Um 10 war das Handy immer noch aus, also rief ich Soila an. Die wusste auch nicht, was ich tun sollte. Die Kommunikation uebers Telefon war nicht ganz einfach, also beschloss ich unwissendes Ding, ein Taxi zu nehmen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es von Curitiba bis Mandirituba noch mehr als eine Stunde Fahrt ist. Bevor ich aber ein Taxi rief, kam ich doch noch auf die blendende Idee, nach einem Bus zu fragen. Und siehe da: Anstatt 50 Reals fuers Taxi zu bezahlen, kam ich fuer 9 Reals nach Mandirituba.

Oh mein Gott, wo bin ich denn da hin geraten. Totenstille. Eine verlassene Busstation. Wind und Staub. Ein caramelbrauner Cinquecento. Nur den Mut nicht verlieren. Ab in die naechste Telefonzelle. Funktioniert nicht. Das naechste Telefon gibt wenigstens ein Lebenszeichen von sich und sogar Irineus' Mobile ist jetzt an. Nur muss ich dann leider feststellen, dass er in Curitiba ist. Super! Da es in diesem verlassenen Kaff anscheinend tatsaechlich Taxis geben soll, mache ich mich auf die Suche. Noch 10 Minuten Fahrt. Zuerst Autostrasse, dann links abbiegen. Die Haeuser werden immer spaerlicher, die Strasse immer holpriger. Pinienwaelder. Huegel rauf und wieder runter. Wo komme ich da bloss hin?
So halbverlassen im Auto sitzend musste ich wirklich an Albina und Geraldo denken, die mir dieses Projekt hier in Mandirituba empfohlen hatten.

Kaum aus dem Auto gestiegen, erwarteten mich viele neugirige Gesichter, helfende Haende und unverstaendliche Fragen. Sobald ich meinen Rucksack im Sekretariat abgestellt hatte, zupfte mich ein Junge am Aermel und fuehrte mich durch das ganze Quartier. Wenn man alle Haeuser sehen will, muss man auf jeden Fall einen Spaziergang von 20 Minuten machen. Und auch da geht's immer wieder einen Huegel hinunter bzw. hinauf. Bis zum Mttagessen hatte ich mich auch gleich mit allen Frauen in der Kueche angefreundet.

Ja, und dann kam's: Kaum sass ich mit meinem dampfenden teller Feijao und Arroz (Bohnen und Reis) auf einem quer gelegten Baum, kriegten sich zwei Jungs in die Haare. Alles ging so blitzschnell, dass ich nur "Filho da Puta" verstand. Und dann flogen die Faeuste. Der Junge neben mir wurde von seinem Gegner so stark am Kopf getroffen, dass ich es knacken hoerte. Zuerst standen alle einige Sekunden unglaeubig um die sich schlagenden Jungs herum. Dann aber kam ploetzlich Bewegung auf. Alle warfen sich dazwischen, denn die Raufbolde mussten mit vereinten Kraeften zurueck gehalten werden. Der eine weinte und schrie vor lauter Wut, dem anderen wurden fast die Kleider vom Leib gerissen, so sehr wand er sich, um seinen Baendigern zu entkommen.
Und ich zog mich irgendwie an den Rand des Geschehens zureueck und konnte es nicht fassen.
Zum guten Glueck wurde mir dann spaeter versichert, dass es einen solchen Kampf in den letzten 3 Jahren nicht gegeben habe.

Das war also mein Empfang.

Ich habe hier im Haupthaus ein Zimmer mehr oder weniger fuer mich. Tagsueber arbeite ich im "Quarta Casa", einem Haus etwa 10 Minuten von hier. Dort leben die juengeren Jungs von etwa 8 bis 11 Jahren (glaube ich). Anscheinend haben hier vor einigen Wochen zwei Spanierinnen 3 Monate gearbeitet und schliesslich vom Haupthaus ins Quarta Casa gewechselt, weil sie es mit den groesseren Jungs nicht mehr aushielten. Ich habe auch gleich gemerkt, dass es fuer mich besser ist, bei den Kleinen zu arbeiten. Dank meinem Portugiesisch bin ich bei den Aelteren zwar nicht unter die Raeder gekommen, aber ihr Frauenbild ist schon ziemlich machoid und die Sprueche nerven. Und natuerlich wollen mich alle andauernd umarmen und halten.

Im ganzen leben hier fast 100 Jungs. Die Aeltesten arbeiten bereits, die anderen gehen zur Schule. Das Schulsystem hier ist mir, wie so vieles, noch ein ziemliches Raetsel, aber es scheint 3 Bloecke zu geben: Morgen-, Nachmittags- und Abendunterricht.
Ueber das Projekt selber weiss ich auch noch nicht so viel. Entstanden ist es wohl im Jahr 1994 und besteht mittlerweile aus 4 Haeusern und einer Klinik, die auch Leute von ausserhalb besuchen.
Fernando, der Gruender des Projekts und Vater aller Kinder hier, war Moench und hat dann irgendwann dieses Heim fuer ehemalige Strassenkinder eroeffnet. Sein Moenchsleben hat er aber beibehalten. Alles was er besitzt sind die Kleider, die er am Leibe traegt (und auch das nur, weil es keine so grossen Jungs hier gibt- Das Waescheprinzip funktioniert hier naemlich so: Alle tragen alles :-)). Nachts schlaeft er mit 4 Jungs im Computerraum, wozu sie die Matratzen und Decken aus meinem Zimmer holen.
Computer gibt's hier uebrigens massenweise! Das Japanische Konsulat hat dem Projekt PCs geschenkt, sodass es einen richtigen Kurs gibt! Davon kann die Steinerschule ja nur traeumen :-)

Ansonsten herrscht hier aber wirklich Armut. Obwohl es so kalt ist hier, dass ich mir Strumpfhosen kaufen musste (Ja, das gibt es hier auch!!!), laufen die Kinder in kurzen Hosen, T-Shirt und FlipFlops rum- natuerlich alle erkaeltet. Sofas, Stuehle, Besteck, Matratzen, Decken- alles ist abgenuetzt und kaputt, aber immer noch brauchbar. Zu essen gibt es Feijao, Arroz und irgend eine Art von Salat; manchmal Fleisch.

Ja, und was heisst arbeiten? Es ist alles ziemlich fliessend: Kinderbetreueng, Aufgaben machen, im Garten arbeiten, Kueche aufraeumen, zusammen Fernseh schauen. Und eigentlich kann ich sowieso machen, was ich will. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich um 8 Uhr mit den kleinen Fruehstuecke und nach dem Abendessen so um 9 Uhr wieder nach Hause gehe.

Jetzt werde ich dann gleich nach Mandirituba gefahren, damit ich Bastelmaterial kaufen kann. Die Jungs haben naemlich meine Patchworktasche entdeckt und sind ganz "giggerig" darauf, auch so etwas zu machen. Und weil am Sonntag Elternversammlung ist, duerfen sie morgen Ketten und Armbaender machen. Ja, meine neuen Kinder sind wunderbar! Wollen mich umarmen, kuessen, von mir gehalten und "gchrueselet" werden- und das von der ersten Minute an. Sie nennen mich "Tia", also Tante, was ich ruehrend finde. Es ist alles eine grosse Familie hier.

Diese Herzenswaerme macht die kalte Temperatur hier natuerlich bei weitem wieder wett. Es ist am Morgen wirklich so kalt hier, dass man seinen eigenen Atem sehen kann.
Ich fuehle also mit euch in der Schweiz :-)

Alles Liebe

Eure Abenteurerin

PS: www.meninos.ch

3 Kommentare:

Flavio hat gesagt…

spannender bericht! ich freue mich jetzt schon, mit dir brasilien zu bereisen... ich habe heute als erinnerung an meine reise gerade ein green curry gekocht und natürlich, um dich etwas eifersüchtig zu machen... nur so im vergleich zu reis und bohnen... und das jeden tag;-)
ja geniess die freie zeit noch, denn schon bald musst dich mit mir herumschlagen, noch einer mehr der dich immer wieder umarmen und küssen will und vor allem einer, der "gchrüselet" werden möchte;-)
ja hier ist alles beim alten: zürcher svp hat blocher wieder zur bundesratswahl nominiert, wetter gruusig, luft kalt in der bankenwelt dünn usw...
bis gli
kuss flavio

Roxana hat gesagt…

Wow...! Das klingt tatsächlich bizzli (-viel) nach Abenteuer!! Hab ich das richtig verstanden, dass in diesem "Heim-Dorf" ausschliesslich Buben leben? Und eigentlich gar keine Waisen sind? Klingt jedenfalls nicht anspruchslos, aber sonst wär's ja auch gar nix für dich :)! Du arbeitest aber nicht wirklich von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, oder??!?? Ich kenn dich ja, aber komm bitte nicht mit einem BUrnout in die Schweiz zurück, das wäre irgendwie abstrus...!

Schön das ihr so gut mit Compis ausgerüstet seid, da muss man ja gar nicht wirklich auf Dolo verzichten :)!! Also, ich wènsch dir viel Spass beim Basteln mit deinen 100 neuen Neffen, beim Gartenarbeiten, auf Baumstämmen essen, und Hügel auf- und abwandern :)! feste drück und GNAGL, R

Renata hat gesagt…

Liebe Dolores
sehr gerne lese ich deine Abenteuer, super spannend was du schon alles erlebt hast. Geniess es weiterhin! Bei uns ist es kalt und ein weisser Zucker liegt auf der Wiese. :-(
Freue mich auf weitere Geschichten. Dicker Schmatz
nicht gnagel, da es Morgen ist;-)
Renata